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Pressespiegel
zum cinefest 2009


„Der Krieg muss aus den Fingern raus“, sagt der Geigenlehrer zu seinem jungen Schüler, der seine Kunst an der Front fast verlernt hatte. Erst nach und nach gelingt es dem ehemaligen Soldaten in Eduard von Borsodys „Arlberg-Express“ (1948), im Frieden wieder Fuß zu fassen. Ein Heimkehrer-Schicksal wie so viele, die das deutschsprachige Kino nach 1945 auf die Leinwand brachte. „Arlberg-Express“ gehörte zur Filmauswahl eines Kolloquiums, mit dem sich CineGraph Hamburg und das Bundesarchiv-Filmarchiv auf ihr diesjähriges Festival des deutschen Film-Erbes (14.-22.11.) vorbereiteten. Wie im Vorjahr wird der Zeitraum zwischen 1940 und 1950 beleuchtet; ging es 2008 noch um Filmproduktion und Propaganda, sollen diesmal vor allem die ästhetischen Mittel analysiert werden, mit denen sich das europäische Kino der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust näherte. Schon während des Kolloquiums wurden thematische Schwerpunkte sichtbar: der zwischen Naturalismus und Überhöhung changierende filmische Umgang mit den Traumata des Antisemitismus und der Shoah („Die letzte Etappe“); die Anknüpfung an Erzählstrukturen internationaler Kinematografien oder klassischer Vorbilder wie des Kinos der Weimarer Republik und des Sowjetfilms („Freies Land“); die Bedeutung des Genrekinos. Spiegelte sich das Zeitkolorit in Komödien („Arche Nora“, „Kein Platz für Liebe“), Musikfilmen („Taxi Kitty“) oder Krimis („Blockierte Signale“, „Razzia“)? Welche Auswirkungen hatte die deutsche Besatzung auf die Filmproduktion in der Tschechoslowakei und den Niederlanden? Zu welchen ästhetischen Höhenflügen war das nachholende Kino der Résistance in Frankreich fähig („Schienenschlacht“, „Das Schweigen des Meeres“)? Welche erzählerischen Kontinuitäten gab es, wo werden Brüche sichtbar? Im Mittelpunkt stehen dabei innovative Regisseure, die mit ihren Intentionen und stilistischen Mitteln aus der Zeit fielen: Peter Pewas und Helmut Käutner, G.W. Pabst, Michael Powell und Emeric Pressburger.

Ralf Schenk in film-dienst 13/2009.



Pressespiegel
zum cinefest 2008


Eine seltsame Jugend

Stolz und glücklich sind die Jungs, wenn sie im Flieger sitzen, seltsamerweise aber auch, wenn sie in heimlicher Nachtarbeit in der Flugzeugfabrik helfen, den Produktionsplan einzuhalten. Wenn „Junge Adler“ (1944) von Alfred Weidenmann, gedreht mitten im Krieg, solche gegensätzlichen Szenen mit Jugendlichen zeigt, wirkt das heute noch hoch emotional. Merken diese Jugendlichen denn nicht, dass sie zum Spielball werden? Die Filme mit und über Kinder und Jugendliche waren die packendsten und traurigsten Beiträge beim Cinefest, dem 5. Internationalen Festival des deutschen Filmerbes, das Cinegraph und Bundesarchiv-Filmarchiv im November im neuen Hamburger Metropolis-Kino veranstalteten. „Filmproduktion und Propaganda in den 40er Jahren“, lautete das Thema von Festival und Kongress. Die sonst übliche Zäsur des Kriegsendes 1945 wurde bewusst ignoriert, kündigte sich doch schon im Krieg an, dass es eine Weile dauern würde, bis jeder sich wieder in seinem Leben zurechtfindet. „Junge Adler“ ist ein Propagandafilm, der immer noch – wie zahlreiche andere von den alliierten Militärbehörden verbotene Filme – nur unter Vorbehalt gezeigt werden darf: mit Einführung und anschließender Diskussion. Und das nicht, weil das Verbot ewig Gültigkeit besitzt, sondern weil die Rechte-Inhaber diese Filme wohl aus Angst vor politischen Diskussionen bis heute nicht der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) vorgelegt haben, die sie zulassen könnte.
Im Gegensatz zu späteren Hollywood-Fliegerfilmen wie „Top Gun“ (1986), wo es um junge Erwachsene und Einzelkämpfer geht, wird in „Junge Adler“ die Gemeinschaft der Jugendlichen – unter anderem Hardy Krüger, Dietmar Schönherr und Gunnar Möller – beschworen und offenkundige Propaganda mit Hakenkreuz-Fahnen vermieden. Trotzdem spürt man permanent den Erziehungsversuch und die Suggestivkraft. Der inzwischen 80-jährige Gunnar Möller, der den Film beim Cinefest erstmals (wieder-)sah, zeigte sich entsetzt darüber, in einem solchen Machwerk mitgespielt zu haben, meinte aber, dass ihm damals gar nicht bewusst war, worum es ging. Was einmal mehr zeigt, wie schwierig und unangenehm der Umgang mit diesem Teil des deutschen Filmerbes ist, selbst wenn es – so Ines Steiner in ihrem Vortrag beim begleitenden filmhistorischen Kongress – doch um das Fliegen als „mythopoetischer Generator“ und um Jugendliche in der Opferrolle als „Generation ohne Zukunft“ ging. Aktiver war da schon ein Junge in „Jungens“ (1940 von Robert A. Stemmle), der einen Nazi-Profiteur als Schmuggler entlarvt, aber sich erst traut, ihn anzuzeigen, nachdem er Zutrauen zu seinen Kameraden in der Hitlerjugend und deren Organisator, seinem neuen Schullehrer, als Bezugsperson gefasst hat.
Das Gegengewicht bildeten parallel in Osteuropa gedrehte Jugendfilme wie „Timurs Schwur“ (UdSSR 1942, von Lev Kuleshov). Diese Fortsetzung von „Timur und sein Trupp“ (1940) um eine Kinder- und Jugendgruppe, die sich quasi selbst als Kampftruppe organisiert, um Armen und Schwachen zu helfen, entpuppt sich als kommunistischer Propaganda- und Durchhaltefilm. Die Kinder sind es schnell leid, anderen zu helfen, als die Hilfe zur eher lästigen Routine wird. Erst als die Nazis näher rücken und damit auch eine neue Aufgabe, sind die Kinder wieder mit Eifer bei der Sache; sie lernen von den älteren Jungs einer kämpferischen Bande, wie man Brandbomben löscht, Fenster verdunkelt und mit Waffen kämpft. Die Propagandaabsichten liegen noch deutlicher zutage als in den nazideutschen Filmen, wenn die Jungs am Ende ihren Pioniereid ablegen. Ebenso klischeehaft erscheint der US-Spielfilm „Hitler’s Children“ (1942) von Irvin Reis und Edward Dmytryk, der beides abbilden will: die freiheitsliebenden Amerikaner und die sich freiwillig der Nazi-Disziplin unterwerfenden Deutschen, in Gestalt von zwei Jugendlichen, die sich trotz der Gegensätze lieben und versuchen, in Deutschland nach ihren Überzeugungen zu leben, was natürlich nicht gut gehen kann.
Auch nach dem Krieg ähneln sich die Bilder, wenn alle eine in gewisser Weise verwahrloste Jugend im Blick haben, die erst noch auf den rechten Weg gebracht werden muss. Géza von Radványi zeichnet in „Irgendwo in Europa“ (Ungarn 1947) noch eine gewisse Idylle, wenn sich heimatlose Waisenkinder und Jugendliche in einer Burgruine zusammenfinden, um fürs Überleben zu stehlen. Gemeinsam bewerfen sie die Polizisten mit Steinen, als die ihren Unterschlupf entdecken, und gemeinsam geben sie ihn schließlich auf, um einen Jungen, der verletzt wurde, ins Krankenhaus zu bringen. In Radványis einfühlsamem und atmosphärischem Porträt wird der Lernprozess der Jugendlichen nicht von außen aufgedrückt, sondern durch das Nachdenken über die eigene Situation in Gang gesetzt. Diese Chance haben die straffälligen Jugendlichen nicht mehr, die in „…und wenn’s nur Einer wär…“ (Deutschland 1949 von Wolfgang Schleif) in einem Erziehungslager gelandet sind. Mit der von einem progressiven Lagerleiter vorgeschlagenen Selbstbestimmung können sie nicht immer etwas anfangen und prügeln sich trotzdem, was die Ersetzung des liberalen Lagerleiters durch einen mit Nazi-Methoden agierenden Nachfolger zur Folge hat – bis ein paar mutige Lagerjungen mit List versuchen, dem zu entrinnen. Schleif fehlt jedoch ebenso die Leichtigkeit der Inszenierung wie Artur Pohls „Die Jungen von Kranichsee“ (DDR 1950), wo ein Junglehrer seinen Schülern ähnlich freizügig begegnet und anfangs scheitert. Zusammen mit kurzen Dokumentarfilmen bot das Cinefest so einen neuen, übergreifenden Ansatz.

Andrea Dittgen in film-dienst 1/2009



Zwischen den Fronten
Zwei Filme von Henri-Georges Clouzot beim Hamburger Cinefest


Nicht nur in Deutschland waren während des Zweiten Weltkriegs Misstrauen und Denunziantentum an der Tagesordnung. Das bezeugen auch das Schicksal sowie zwei Filme des französischen Regisseurs Henri-Georges Clouzot (1907-77): „Der Rabe“ („Le corbeau“, 1943) und „Unter falschem Verdacht“ („Quai des Orfèvres“, 1947). Das 5. Hamburger Cinefest, das ausführlich die Jahre 1940 bis 1950 in Europa beleuchtet, zeigt beide hierzulande nur wenig bekannten Filme.
Das Gesellschaftsporträt „Der Rabe“ geht auf eine wahre Geschichte zurück, die sich 1922 im französischen Dorf Tulle ereignete; Clouzot verlegte sie in die Besatzungszeit. Ein Arzt erhält einen anonymen Brief, unterzeichnet mit „Der Rabe“, in dem er beschuldigt wird, eine Geliebte zu haben. In einem weiteren anonymen Brief wird die Ehefrau eines anderen Arztes als Hure bezeichnet – für die damalige Zeit zwei ungeheure Anschuldigungen. Bald kursieren immer mehr „Rabenbriefe“ im Dorf, jeder verdächtigt jeden, jeder hat Angst, denn jeder hat ein Geheimnis, das nicht ans Licht kommen soll. Clouzots zweiter Spielfilm steigert virtuos Spannung wie Paranoia zu einem Meisterwerk, das in die Abgründe der menschlichen Seele blickt. Dabei hat „Der Rabe“ auch heitere Elemente und präsentiert mit Pierre Fresnay einen seinerzeit beliebten Star. Der Film war bei Publikum und Kritik ein Erfolg, nicht aber bei der Politik: Die Nazis wie auch die Vichy-Regierung Frankreichs sahen darin einen Angriff auf ihre Landsleute, warfen Clouzot Korruption, Denunziation und Unmenschlichkeit vor. Im Vorfeld war dies nicht bemerkt worden: Clouzot, talentierter Theater- und Drehbuchautor, leitete von 1941 an die Drehbuchabteilung der Nazi-Produktionsfirma Continental, die Unterhaltungsfilme herstellte – frei von Nazi-Propaganda, weil sie die Franzosen während der Besatzungszeit aufmuntern sollten. So musste „Der Rabe“ nicht die deutsche Zensur durchlaufen. Nach dem politischen Aufschrei verlor Clouzot seinen Posten; nach dem Krieg wurde er von den Franzosen sogar mit Berufsverbot belegt, weil er nun als Kollaborateur galt, der für die Deutschen und nicht im Widerstand gearbeitet hatte. Ab 1947 wurde „Der Rabe“ wieder in Kinoclubs, bald auch in normalen Kinos gezeigt; es gab großen publizistischen Rummel – nur vier Jahre, nachdem es so vehement gegen ihn ging, nun zugunsten des Films. Regisseure wie Marcel L’Herbier und Marcel Carné sprachen sich in einer Petition dafür aus, dass „Der Rabe“ wieder gezeigt wurde. Clouzots künstlerische Meisterschaft wurde allgemein gelobt, das Arbeitsverbot wohl aufgehoben (auch wenn darüber bis heute keine Unterlagen im Nationalarchiv existieren). Clouzot konnte bald wieder einen Stoff eigener Wahl verfilmen und entschied sich erneut für einen Kriminalfall: für den Roman „Die große Verwirrung“ („Légitime défense“) von Stanislas-André Steeman; einen anderen Roman von Steeman hatte er bereits 1942 mit seinem ersten Film „Der Mörder wohnt in Nr. 21“ („L’assassin habite au 21“) verfilmt. Im Mittelpunkt stehen eine junge ambitionierte Varieté-Sängerin (Suzy Delair) und ihr Mann, ein Pianist (Bertrand Blier), der unter Mordverdacht steht und sich immer mehr in Widersprüche verstrickt. Doch der ebenso umsichtige wie zynische Kommissar (Louis Jouvet) entdeckt den wahren Mörder. Wie in „Der Rabe“ geht es auch in „Unter falschem Verdacht“ (der Originaltitel „Quai des Orfèvres“ ist die Adresse der Pariser Kriminalpolizei) um einen Mikrokosmos: die Welt der Pariser Music-Halls als ein Dorf in der Großstadt, in dem sich alle egoistisch, misstrauisch und erpresserisch verhalten. Auch gibt es ähnlich viele Frauentypen, die Clouzot eingehend charakterisiert, sowie eine gewisse Kritik am bürgerlichen Leben. Für seine pessimistische Weltsicht fand Clouzot erneut faszinierende Schwarz-Weiß-Bilder und traf präzise die Stimmung der Zeit. In acht Wochen gedreht, landete der Film in Frankreich mit 5,5 Mio. Besuchern auf Platz Fünf der Jahresbesucherliste 1947, noch vor Hitchcocks „Rebecca“. Clouzots Karriere war gerettet, aber sein tragischer Fall zwischen den deutschen und französischen Fronten bleibt unvergessen.

Andrea Dittgen in film-dienst 23/2008


Welches Bild der Jugend zeigte der NS-Film vor 1945, welches der westdeutsche und der Defa-Film danach? Das Hamburger Filmfestival Cinefest zeigt Filme aus den Jahren 1940 bis 1950, um die Kontinuitäten offen zu legen.

So realitätsnah wie möglich? Karl Ritters "Besatzung Dora" aus dem Jahr 1943 wird jetzt erstmals im Kino gezeigt.    Foto: Bundesarchiv-Filmarchiv, Berlin
Regisseur Karl Ritter dachte, er würde den Fliegern von der Fernaufklärung mit seinem Film "Besatzung Dora" ein Denkmal setzen. Sechs Wochen lang hatte er als Soldat bei den Fernaufklärern gedient, bevor er begann, das Drehbuch zu schreiben. Er hatte ab 1942 verschiedene Fronten besucht und Soldaten als Filmschauspieler rekrutiert, damit alles so realitätsnah wie möglich aussah. Ritter wollte original Soldaten, original Schauplätze und original Aktionen. Als ein Fliegertrupp im wirklichen Krieg zu einer Notlandung gezwungen war, dachten die Soldaten nicht ans Überleben, sondern funkten das Filmteam an, um auf die Chance hinzuweisen, eine original Notlandung zu filmen.
Das Filmteam kam wenige Minuten zu spät. Und als der Film 1943 fertig war, wurde er niemals öffentlich in einem Kino gezeigt. Das lag vor allem daran, dass der Krieg die Filmhandlung bereits überholt hatte: Beispielsweise hätte der gesamte in Nordafrika spielende Komplex entfernt werden müssen, nachdem Nordafrika 1943 bereits von den Alliierten besetzt war.
So gesehen wird es eine echte Premiere, wenn "Besatzung Dora" kommende Woche im Hamburger Metropolis-Kino läuft. Der Film wird dann ein Beitrag sein zum Filmfestival Cinefest, das am Samstag beginnt und sich in diesem Jahr mit Propaganda im Film der Jahre 1940-1950 beschäftigt. "Besatzung Dora" ist dabei ein Beispiel dafür, "wie sich im Film dieser Zeit Realität und Fiktion vermischen", sagt Hans-Michael Bock. Er arbeitet mit Erika Wottrich und Johannes Roschlau beim Verein Cinegraph, der das Cinefest veranstaltet. Mit im Boot ist außerdem das Bundesfilmarchiv in Berlin.
Das Cinefest 2008 trägt den Titel "Alles in Scherben!…?" und versammelt Filme aus Deutschland, Frankreich, Ungarn, der Sowjetunion, der sowjetischen Besatzungszone und den USA. Die Idee ist, das Jahr 1945 nicht wie sonst in der Filmgeschichte als Bruch zu setzen, nach dem alles anders wird, sondern die Kontinuitäten zu zeigen, die über das Ende der Nazidiktatur hinaus die Filme prägen. Schwerpunktmäßig geht es um die Darstellung der Jugend im Film jener Zeit: Welches Bild der Jugend zeigte der Film im Nazi-Deutschland, welches der Defa-Film in der sowjetischen Besatzungszone? Wie stellten die Amerikaner das Nachkriegsdeutschland ihren GIs vor? Und wie beschrieb die NS-Propaganda die USA?
Auf dem Cinefest sind Spielfilme und Propaganda-Filme zu sehen. Eine direkte Gegenüberstellung zweier Filme gibt es kaum. Das liegt manchmal daran, dass von korrespondierenden Filmen nicht immer beide gut genug erhalten sind für eine Kinoprojektion. Meist aber ist der Grund, dass die Filme bei aller Schlichtheit thematisch zu eigen sind: "Die Schwarze Robe" von 1943/44 beispielsweise erzählt die Beziehungsgeschichte einer beruflich erfolgreichen Juristin, die auf einen darunter leidenden Maler trifft - dieser Film handelt von Geschlechterverhältnissen. Der Film "Die Söhne des Herrn Gaspary" aus dem Jahr 1948 dagegen handelt von zwei ungleichen Brüdern im Nachkriegsdeutschland mit der Botschaft: Pazifistische Weichlinge brauchen wir nicht, sondern eine Jugend, die anpackt beim Wiederaufbau. Der Film fiel seinerzeit bei der Kritik durch mit dem Hinweis, ein NS-Propaganda-Film hätte nicht anders ausgesehen.
Das Cinefest umfasst 26 Programme mit zum Teil mehreren Filmen pro Programm. Ausschlaggebend für die Auswahl der Filme waren nicht Kriterien der Filmkunst, sondern die Frage, was ein Film sagt über die Ideologie seiner Zeit. Es sind Filme, deren Kontext entscheidend ist - bei den Cinefest-Vorführungen wird es dementsprechend diverse Einführungen und Gespräche geben, mitunter auch mit damals beteiligten Schauspielern wie Gunnar Möller. Außerdem gibt es im Rahmen des Cinefestes einen filmhistorischen Kongress, der sich mit dem Spannungsfeld zwischen Beharrung und Neuanfang im europäischen Film nach 1945 beschäftigt. Über "Besatzung Dora" wird dann auch zu reden sein. Womöglich im Vortrag "Fliegermythen im NS-Jugendfilm".

Klaus Irler in taz Nord, 13.11.2008


Das CineFest hat sich in diesem Jahr viel vorgenommen: Hier sollen die Filmproduktion der vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts als Ganzes in den Blick genommen werden. Dazu sind vom 15. bis 23. November 26 Filmprogramme im Metropolis zu sehen. Sichtbar werden sollen vor allem die Gemeinsamkeiten und Querverbindungen zwischen den Filmen der Kriegs- und der unmittelbaren Nachkriegszeit. Einen ersten Eindruck von einem Jahrzehnt im permanenten Ausnahmezustand bietet am Eröffnungsabend (15.11., 19.30 Uhr) ein Kurzfilmprogramm, unter anderem mit Humphrey Jennings halbstündigem Dokumentarfilm "The True Story of Lili Marlene" (OF) aus den Jahren 1943/44. Wie sehr sich das deutsche Kino während des Krieges in den Dienst der Nazi-Propaganda stellte, belegen Werner Klinglers "Die Degenhardts" (16.11., 17 Uhr) und "Junge Adler" (16.11., 19 Uhr) von Alfred Weidenmann: Im ersten findet ein zwangspensionierter Stadtobersekretär (Heinrich George) nach einem englischen Luftangriff eine neue Aufgabe, im zweiten lernen Lehrlinge in einer Flugzeugfabrik die Vorzüge nationalsozialistischer Gemeinschaft kennen. In beiden Filmen als Jugendlicher zu sehen ist Gunnar Möller. Der heute 80-Jährige wird als Gast erwartet. Dass auch Hollywood in den Kriegsjahren mehr oder weniger offene Propaganda machte, lässt sich sowohl an Großproduktionen wie William Wylers Oscar-gekröntem Klassiker "Mrs. Miniver" (OF; 17.11., 19 Uhr) als auch an einem B-Picture wie "Hitler's Children" (OF; 21.11., 21.15 Uhr) von Edward Dmytryk ablesen. In Form von Familiengeschichten versuchten nach Kriegsende auf westdeutscher Seite sowohl Rolf Meyers "Die Söhne des Herrn Gaspary" (17.11., 17 Uhr) als auch "Vor uns liegt das Leben" (23.11., 17 Uhr) von Günter Rittau die Jahre von 1933 bis 1945 filmisch zu verarbeiten. Von ostdeutscher Seite sind, ebenfalls aus dem Jahr 1948, zu sehen: der seinerzeit sehr populäre DEFA-Jugendfilm "1-2-3 Corona" (18.11., 19 Uhr), sowie "... und wieder 48" (19.11., 19 Uhr), Gustav von Wangenheims ambitionierter "Lehrfilm zum politischen Denken".

Eckart Alberts in Hamburger Morgenpost, 13.11.2008





Pressespiegel (Auswahl)
zum CineFest 2007


[...]Schon in der Stummfilmzeit inspirierte die Stadt an der Moldau das deutsche Kino. Daran erinnert "Cinefest", das (vierte) internationale Festival des deutschen Filmerbes in Hamburg, das CineGraph veranstaltet. Unter dem Titel "Film im Herzen Europas" geht es um den Komplex der deutsch-tschechischen Filmbeziehungen des 20. Jahrhunderts. Der Mythos Prag spielt darin eine wichtige Rolle, beginnend mit dem kurzen Kulturfilm "Das heilig Prag", den Hans Cürlis 1929 drehte und der schon das touristische Bild zwischen Märchen und Fantasy vermittelt, das sich bis heute gehalten hat: mittelalterliche Gassen, Hradschin, Wenzelsplatz, Rathaus, Karlsbrücke, Judenviertel und jene besondere Stimmung, die über der Stadt liegt.
Sie verfehlte schon 1913 in "Der Student von Prag" nicht ihre Wirkung - ebensowenig 1914 in Henrik Galeens "Der Golem". Dass Galeen für sein Remake 1926 auf eben diese malerischen Ansichten verzichtete, mag damit zusammenhängen, dass das Prag-Bild differenzierter geworden war und auch die Schattenseiten der Großstadt zum Tragen kamen. In Karl Grünes Debüt "Der Mädchenhirt" (1919), einer Ausgrabung von CineGraph - sie wurde im Oktober beim Stummfilmfestival von Pordenone gezeigt, wo CineGraph und Murnau-Stiftung für ihre langjährige Arbeit die Ehrenplakette erhielten -, wurde die märchenhafte Wirkung der Straßenszenen durch ernste, realistische Themen aufgebrochen, handelt es sich doch um eine Verfilmung der Sozialreportagen von Egon E. Kisch.[...]

Andrea Dittgen, Filmdienst, 23/2007


Pressspiegel (Auswahl)
zum CineFest 2006


Das dritte Cinefest, das internationale Festival des deutschen Film-Erbes (www.cinefest.de), widmete sich dem maritimen Kino. Damit konnten CineGraph und das Bundes-Filmarchiv als Organisatoren im Hamburger Metropolis-Kino großes Interesse wecken. Gerade bei den frühen Filmen aus den l0er und 20er Jahren ließen sich einige Entdeckungen machen. Zum Titanic-Untergang wurden gleich vier Fassungen geboten (1912, 1942, 1952, 1958). Die Sujets und Einstellungen ähneln sich, was spannende Vergleiche möglich macht. Beispielsweise scheint man erst relativ spät erkannt zu haben, dass Modelle möglichst im Verhältnis 1:10 gebaut sein müssen, um realistische Aufnahmen zu ermöglichen, wie Kameramann Wolfgang Treut erläuterte. Neben Foren zu Themen wie Ausstellungen im Filmmuseum („Das Boot"), lokalen Archiven und DVD-Ver­marktung gab es einen dreitägigen wissenschaftlichen Kongress. Bei der Eröffnung wurde der Schünzel-Preis an Vittorio Martinelli und der Willy Haas-Preis an die dreibändige Dokumentarfilmgeschichte sowie an die DVD „Selling Democrazy" vergeben. Das Programm wird nun auch in Berlin, Zürich und Wien gezeigt.

ky, Filmecho/Filmwoche, 48/2006


Gerhart Hauptmann war auf der Titanic? Natürlich nicht. Aber sein Roman „Atlantis" gab die Vorlage für einen der ersten Titanicfilme überhaupt: „Atlantis", 1913 von dem Dänen August Blom auf. Zelluloid gebannt, ein Stummfilm, zu dem zünftige Klaviermusik gehört. Zu sehen ist diese Kostbarkeit nun auf dem diesjährigen Cinefest: „Leinen los! - Maritimes Kino", so der Titel, gegeben arm kommenden Wochenende im Metropolis-Kino. „Warum lügt Fräulein Käthe?" aus dem Jähre 1935 bietet eine heitere-naive Verwechslungskomödie, während es von Hamburg nach Madeira geht. Der amerikanische: Spielfilm „Mare Nostrum" 1926 erzählt dagegen eine beklemmende Liebesgeschichte zwischen einem spanischen Kapitän und einerdeutschen Spionin im Schatten des ersten Weltkrieges. "Der Magische Gürtel" von 1917 wiederum ist ein Kriegspropagandastreifen über den U-Boot-Krieg, während in dem DEFA-Streifen „Das Lied der Matrosen" diese singend in Schwarzweiß die Fäuste recken, wenn es darum geht sich gegen den Kaiser zu erheben. Ein Schatz dürfte das Richard-Fleischhut-Programm sein. Er war Bordfotograf des Norddeutschen Lloyd. Stoisch filmte er am 19.12.1939 vom Rettungsboot aus das brennende Kreuzschiff "Columbus"; als dieses sank, verschwand auch sein Fotoarchiv mit 32 000 Negativen mit in der Tiefe. Der Besucher muss übrigens kein ausgewiesener Experte sein. Festivalleiter Jörg Schöning: "Seefahrt im Kino zeigt gerade uns Laien, wie lebendig und prägend Schifffahrt einmal gewiesen ist; besonders angesichts der heute fast menschenleeren Tanker."

FK, Hamburger Abendblatt, 16.11.2006


Früher waren die Sitten eben rauer. Während Hollywood heute ein paar Jahre verstreichen lässt, bis reale Katastrophen als Kinofilm umgesetzt werden, waren die Filmemacher 1912 deutlich schneller: Wenige Monate nach dem Untergang der Titanic produzierte Regisseur Mime Misu den ersten Spielfilm' über die Havarie: „In Nacht und Eis", gefilmt in einem Berliner Hinterhof und im Hamburger Hafen. Das Metropolis zeigt den Stumfilm beim CineFest unter dem Motto „Leinen Los" - gemeinsam mit, mehr als 30 anderen europäischen Spielfilmen aus den Jahren 1912 bis 1957. Im Festivalprogramm sind neben Spielfilmen auch dokumentarische Aufnahmen zwischen Katastrophen und Seefahrerromantik. Und auch das Leben in den Hafenstädten wird dargestellt. An der Titantic-Katastrophe lässt sich auch die Entwicklung der Filmkunst gut betrachten - vergleicht man Mime Misus Titanic-Streifen mit einer weiteren beim CineFest gezeigten Verfilmung des Unglücks aus dem Jahr 1953.

Hinz & Kunzt, Nr. 165, November 2006


Beim CineFest 2006, dem von CineGraph und dem Bundesarchiv/Filmarchiv Berlin veranstalteten III. Internationalen Festival des deutschen Filmerbes stehen unter dem Titel "Leinen los! Maritimes Kino in Deutschland und Europa 1912 - 1957" (18. - 26.11.) Filme über Schiffe, Häfen und Meere im Mittelpunkt. In das Festival ist der 19. Internationale Filmhistorische Kongress im Museum für Hamburgische Geschichte integriert. Während beim CineFest in erster Linie die Schauspieler zum Tragen kommen, dominieren beim Kongress Analyse und Bewertung maritimer Produktionen. Drei Tage lang werden Filmhistoriker und Kulturwissenschaftler ausgewählte Bereiche aus der Geschichte des maritimen Kinos erhellen - vom filmisch festgehaltenen Stapellauf des Dampfers "Imperator" 1912 bis zum Untergang des letzten großen deutschen Frachtseglers, der "Pamir", 1957, CineFest und Kongress rücken dokumentarische wie fiktionale Darstellungen gleichermaßen ins Blickfeld - als wichtige Zeugnisse zur Kulturgeschichte einer wachsenden Mobilität und Globalisierung in der ersten  Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das CineFest Programm umfasst etwa 30 Filme, u.a. den restaurierten deutschen U-Boot-Film "Der magische Gürtel" (1917) und das während des ersten Weltkriegs an den Gestaden des Mittelmeers spielende Liebes- und Spionagemelodrama "Mare Nostrum" (1926). Lokale Schwerpunkte sind frühe Hamburg Filme wie "Die Carmen von St. Pauli" (1928, mit Jenny Jugo) und "Razzia auf St. Pauli" (1932) von Werner Hochbaum so wie Produktionen mit Hans Albers.

fd, Filmdienst, Nr. 19, 2006


Als James Cameron 1998 bei der Oscar-Verleihung Preise für, seine Untergangsschnulze „Titanic" einfuhr, rief er „Ich bin der König der Welt." Dass Mime Misu sich auch so großspurig aufgeführt hätte, ist nicht bekannt. Der aus Rumänien stammende Regisseur und Schauspieler ver­filmte die Schiffskatastrophe schon 1912, nur drei Monate nach dem Unglück. Misu drehte den Film in einem Berliner Hinterhof und im Hamburger Hafen Und spielte den Kapitän Smith gleich selbst. 1912 kam der 40 Minuten lange Stumm­film mit dem Titel „In Nacht und Eis" in die Kinos. Misus Werk ist eine der Attraktionen des CineFests, das morgen in Hamburg beginnt und bis zum 26. November geht. Das Festival widmet sich in diesem Jahr unter dem Motto „Leinen los!" dem maritimen Kino.
Mit einer Eröffnungsgala und der Komödie „Warum lügt Fräulein Käthe?" beginnt das CineFest im Metropolis-Kino (Dammforstraße). Rund 30 Filme aus den Jahren 1912-1957 werden dort gezeigt. Darunter sind unter anderem Georg Tresslers Verfilmung von B. Travens Abenteuerroman „Das Totenschiff" (19.11., 19 Uhr) oder der Film „Das Lied der Matrosen" aus dem Jahr 1958 über den Aufstand in Kiel. Außerdem, na klar, Filme mit Hans Albers wie „Unter heißem Himmel" (24.11., 19 Uhr) und eine Dokumentation über das Leben an Bord der „Pamir" (24.11., 21 Uhr). Begleitet wird das CineFest vom für Jedermann zugänglichen Internationalen Filmhistorischem Kongress (23. bis 25. November), auf dem Fachleute im Hamburgmuseum (Holstenwall 24) über Hintergründe debattieren.

vob, Harburger Anzeigen und Nachrichten, 17.11.2006


Pressespiegel (Auswahl)
zum CineFest 2004


Ein solches Festival in Deutschland war längst überfällig, denn bisher finden sie vor allem in anderen europäischen Ländern statt.

Kay Hoffmann, Film & TV Kameramann, Nr. 6, 20.6.2005


Our patchwork view of German cinema emphasises angst and gloom, but CineFest, which opened in Hamburg in November, gave us a survey of comedy before 1945 with a focus on the Jewish humour that was eventually forced abroad or extinguished. (...)
German cinema isn't just Caligari's cabinet, Dietrich's legs and Hitler's jackboots; it's also Hansen's grin, Schünzel's eyes and Siggi Arno, funny from head to toe.

Geoff Brown, Sight & Sound, Nr. 2, Februar 2005


In Hamburg, beim CineFest, dem ersten Internationalen Festival des deutschen Film-Erbes, gelang der Zeitsprung zurück in die zwanziger Jahre: Das Orchester "Tuten und Blasen" heizte dem Publikum im nostalgischen Metropolis-Kino mit entfesseltem Swing ein, während auf der Leinwand in Reinhold Schünzels Komödie "Der Himmel auf Erden" eine überdrehte Band den Gästen eines Nachtclubs aufspielte – gestenreich, aber notgedrungen ganz ohne Töne.
Es war der umjubelte Höhepunkt eines Festivals, das in seinem ersten Jahr der deutschen Filmkomödie vor 1945 gewidmet war.

Detlef Kühn, epd Film, Nr. 1, Januar 2005


Die einzigen, die sich regelmäßig um den deutschen Film bemühen, sind Hans-Michael Bock und sein kleines Team von CineGraph in Hamburg. Dort wird seit 20 Jahren das gleichnamige mustergültige Lose-Blatt-Lexikon herausgegeben, und seit 17 Jahren lädt man zu einem filmhistorischen Kongress mit Filmschau ein, der vor allem Filmhistoriker anzieht. Als der Verein CineGraph den Kongress nun zu einem Festival erweiterte (inklusive Workshops zu Filmgeschichte im Kino, auf DVD und im Internet), zum "CineFest – Internationales Festival des deutschen Film-Erbes" in Hamburg (13.-21.11.), war der Erfolg mit 2000 Zuschauern in 26 Vorstellungen mit 38 Filmen noch eher bescheiden; richtig voll war das Metropolis-Kino bei Ernst Lubitsch, obwohl mit "Schuhpalast Pinkus" und "Wenn vier dasselbe tun" kaum bekannte Kurzfilme von und mit ihm gezeigt wurden. (...)
Nun ist ein Anfang gemacht, das deutsche Filmerbe zu präsentieren.

Andrea Dittgen, film-dienst, Nr. 26, 23.12.2004


Was macht das deutsche Filmerbe? Mal gibt es einen alten Rühmann- oder Marika-Rökk-Film im TV, mal zeigt ein Filmfestival restaurierte Klassiker wie „Metropolis". Ansonsten lagern die Filme im großen Bundesarchiv in Berlin und Koblenz, bei kleineren Archiven wie dem Deutschen Institut für Filmkunde in Frankfurt und Wiesbaden oder der früheren Stiftung Deutsche Kinemathek (jetzt Filmmuseum Berlin). Und: Ein Großteil liegt als Kriegsbeute im riesigen Gosfilmofond bei Moskau.
Selbst die spezialisierten historischen Filmfestivals zeigen kaum deutsche Filme, die große Schau "Deutscher Film vor Caligari" fand in Pordenone Ende der 80er statt. Nun hat der Verein Cinegraph -der in letzter Zeit fast als einziger versucht hat, deutsche Filmgeschichte nicht nur zu dokumentieren, sondern auch zugänglich zu machen – ein deutsches Filmerbe-Festival initiiert. Das "1. internationalen Festival des deutschen Film-Erbes" widmete sich deutschen Filmkomödien vor 1945.
Aus der Taufe gehoben wurde das Festival in dem Jahr, in dem das Cinegraph-Lexikon 20-jähriges Bestehen feiert – jene Loseblatt-Sammlung, die inzwischen sieben dicke Ordner füllt und in ihrer Datenfülle und wissenschaftlichen Verlässlichkeit unersetzbar geworden ist. Und nun also ein eigenes Festival, hervorgegangen aus den seit 1988 Jahr für Jahr organisierten Cinegraph-Kongressen.

Peter Hornung, Saarbrücker Zeitung, Nr. 272, 22.11.2004


"Wir wollen eine andere Art des Weimarer Kinos zeigen", sagt CineGraph-Chef Hans-Michael Bock. "Komödien sind in der Forschung oft nicht ernstgenommen worden." Dabei gebe es dort viel zu entdecken. Schon der Eröffnungsfilm zeige, dass Schünzel in seinen Filmen durchaus improvisiert habe. Die Filme mit dem Hamburger ziehen sich als roter Faden durch das CineFest-Programm.

Volker Behrens, Hamburger Abendblatt, 12.11.2004


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